Darmstädter Dialoge

Die nachfolgenden Dialoge sind – nach Themengebieten geordnet – historisch belegt. Verschiedene Tapir-Rassen sowie Rüsselkäferarten, die kurz vor dem Ausssterben standen und sich vor wenigen Minuten kollektiv in das Amazonas-Becken zurückgezogen haben, verbürgen sich ebenfalls für die Richtigkeit und Authentizität der Inhalte.

Ebenso Hähnchen-Jule.


LITERATUR

B.D.: Ich bring ein Buch ‚raus!

M.S.: Wohin?


URSPRUNG DES LEBENS

B.D.: Während die Existenz von „dunkler Materie“ trotz aufwendiger Forschung der praktischen Physik bisher nicht nachgewiesen werden kann, gibt es eindeutige empirische Befunde, dass es „dumme Materie“ tatsächlich gibt

M.S.:  Mein Freund, ich hoffe, Du irrst. Wenn ich an den Ereignishorizont, die Singularität und die imaginäre Zeit denke, gruselt es mich. Denn in der imaginären Zeit existiert die „Dumme Materie“ weiter; zusätzlich zur realen Zeit. Und… ich möchte nicht, dass sie am Ereignishorizont aus dem „Schwarzen Loch“ herauströpfelt und somit doppelt in der realen Zeit existiert. Zum Glück wurde Hawkins‘ Theorie widerlegt. Verzeih‘ mir, mein Freund… Ich geh jetzt erst ‚mal ’ne Runde heulen….. vor einigen Sekunden.


MORAL

B.D.: Sodomie ist verboten!!
M.S.: Mein lieber Freund, das interessiert doch kein Schwein.
B.D.: … mein lieber Schwan. Du hast Recht!


SCHÖNHEIT

B.D.: Es gibt jetzt Botox für’s Hirn. Kannst du dir direkt duch die Schädeldecke in’s Hirn spritzen lassen.
M.S.: Hmmm… Klasse. Macht also alles wieder glatt?
B.D.: Ja, genau. Da bewegt sich dann nichts mehr. Für lange Zeit.
M.S.: Für lange Zeit?
B.D.: Für ganz lange Zeit!


					

Tapir, Nasenbär und Blauer Wiener

Das Letzte was Pocken-Franz sah, war der weiße Kaugummifleck, der ihn wie eine Fliege zermantschte.

Der Kaugummi klebte an einem riesigen zentnerschweren LKW-Reifen. Genauer: Es war der linke Vorderreifen.

LKW ist eine Abkürzung und steht für Lastkraftwagen.

Pocken-Franz hatte den Lastkraftwagen nicht gehört, als er die Straße überquerte.

Pofff. Weg war er, der hässliche Pocken-Franz.

Zehn Minuten vorher. 14.27 Uhr Ortszeit.

Pocken-Franz kam gerade von Hähnchen-Jule, wo er täglich seine halbes gegrilltes Hähnchen aß. Hähnchen-Jule hat einen mobilen Grillstand am Hauptbahnhof.

Nachdem Pocken-Franz gegessen hatte, blickte er zufällig zu Boden und setzte sich eine Ameise auf den Kopf. Plötzlich hörte er nichts mehr. Denn die Ameise war eine besondere ihrer Art.

Das wusste Pocken-Franz zu diesem Zeitpunkt aber nicht.

Natürlich bekam er mit, dass er nichts hörte. Das registrierte er ja sofort. Aber dass die Ameise eine besondere war und mit seinem plötzlichen Hörverlust zu tun hatte, DAS wusste er nicht.

Er hätte sich ebenso einen Nasenbären auf den Kopf setzen können. Oder einen Tapir. Nein, nein!!! Ein entschiedenes NEIN! Ein Tapir wäre einfach zu schwer gewesen..

Aber einen Blauen Wiener. Der hätte auch noch funktioniert…

Blaue Wiener sind schön. Sind Kaninchen. Und blau. Wie der Name schon sagt: Blauer Wiener.

Blaue Wiener haben kleine Ohren. Im Verhältnis zum Körper geradezu klitzekleine Ohren. Das Wort „klitzeklein“ ist ein schönes Wort. Man kann es dafür gebrauchen, um etwas ganz Kleines zu beschreiben.

Anstatt „klitzeklein“ könnte man auch „winzig“ sagen. Oder „winz“. Aber „winz“ ist kein richtiges Wort. Ist eher eine Wortschöpfung. Also ein Phantasiewort. Ein Wort, was ich erfunden habe. Das gibt es eigentlich gar nicht.

Für klitzekleinen Ohren könnte man also auch Winzohren sagen. Winzohren sind noch kleiner als winzige Ohren. Und klitzklein ist noch eine Idee winziger als winzig. Dies wird in der Regel durch eine Geste der rechten – oder linken – Hand unterstützt. Dabei werden Daumen und Zeigefinger so nah beieinander gebracht, dass sich die beiden Fingerkuppen fast berühren.

Aber nur fast.

Denn im letzten Moment, wo sie sich eigentlich berühren müssten, hält man in der Bewegung inne. So entsteht zwischen Daumen und Zeigefinger ein winziger, klitzekleiner Winzspalt.

Der ist aber kaum sichtbar.

Weil der wirklich richtig, richtig winzig klein ist. Auch wird der Spalt in der Regel nicht gesehen, weil der Ringfinger dahinter die Sicht auf den wirklich, wirklich winzig kleinen Winzspalt verdeckt.

Eigentlich müsste der Betrachter eine Vierteldrehung nach rechts oder links machen, den Kopf ein wenig tiefer legen und von VORNE zwischen Daumen und Zeigefinger schauen. Dann, und nur dann, würde man den Spalt erkennen.

Nun ja. Zwar sind die Ohren vom Blauen Wiener, den gibt es tatsächlich und wirklich in Echt – kaum erkennbar. Dafür hat er oder sie – es gibt auch Blaue Wienerinnen – aber riesengroße Füße.

Im Verhältnis zum Körper geradezu gigantisch. Eigentlich gigantomanisch. Auf jeden Fall riesen-, riesengroß und gigantomanisch.

Ob sie allerdings wienerisch Mümmeln, weiß ich nicht. Vielleicht kommt der Name auch daher, dass sich ein Wiener mal einen Spaß erlauben wollte und so ein Kaninchen blau angemalt hat; das vielleicht vorher weiß war. Das wäre aber ein richtiger Lump gewesen, der so ein Kaninchen anmalt. Auf der anderen Seite kann eigentlich jeder sein Kaninchen anmalen, wie er will. Auch seinen Hund. Oder seinen Kanarienvogel. Vorausgesetzt, es ist wirklich sein ureigenes Kaninchen. Oder Hund. Oder Kanarienvogel. So ein Lump…

Nun, es wäre jetzt mühsam zu berichten, warum einer wie Pocken-Franz sich eine Ameise auf den Kopf setzte. Bestimmt nicht mit der Absicht, nichts zu hören. Denn woher sollte jemand wissen, ob die Ameise, die er sich gerade auf den Kopf setzt die Fähigkeit hat, Geräusche zu unterdrücken. Oder taub macht.

Egal. Er tat es einfach.

Es war ja auch kein Nasenbär, Tapir oder Blauer Wiener greifbar. Und der Tapir wäre eh zu schwer gewesen. Auch wenn es sich um einen Baby-Tapir gehandelt hätte.

Die sind schon ganz schwer, die Burschen; die ollen Tapir-Burschen.

Die ollen schweren Tapir-Burschen.

Nun, sicherlich hätte der eine oder andere jetzt Mitleid mit Pocken-Franz. Wie der Name schon sagt, war er äußerlich ein hässlicher Mensch. Wegen den Pocken natürlich. Aber auch ohne Pocken wäre er hässlich gewesen.

„Jaaaaa.“ höre ich jetzt von einigen mahnend den moralischen Zeigefinger hebend „die inneren Werte. Es zählen doch die inneren Werte!“
Quatsch, sag ich da.
Oberquatsch. Oberoberquatsch.
Sogar Quatsch mit Soße.

Keine Frau möchte mit einem Mann zusammen sein wollen, der hässlicher ist als hässlich, aber gute innere Werte hat. Ist einfach nicht glaubhaft. Da sieht einer aus wie Quasimodo und strahlt die inner Güte und Stärke eines Fjord-Pferdes aus? Neee, glaub‘ ich nicht.

Das ist wirklich Oberquatsch mit Soße. Gilt umgekehrt genauso. Kein Mann möchte mit einer hässlichen Frau zusammen sein die aussieht, als wäre sie das Produkt eines Ameisenigels mit einem Schnabeltier. Da nutzen einem die besten innere Werte nichts. Aber sowas von nichts.

Entweder ist er oder sie steinreich oder…..

Neee, steinreich reicht.

Da kommt’s auf die inneren Werte auch nicht mehr drauf an. Da kannst’e aussehen wie Karl Arsch von der Rennbahn. Oder wie ein Terror-Gnom des 92. Levels.

Oder Charme haben wie eine Pumpenzange. Oder einen Sack Schrauben.

Aber det macht nüscht…Scheiß was auf die inneren Werte.

Pocken-Franz war ein Arschloch vor dem Herrn, der es verdient hatte, wie eine Fliege zermantsch zu werden. Er war hässlich und hatte einen miesen, miesen und wirklich schlechten Charakter.

Er hätte es sicherlich auch verdient, von einem gefüllten Tapirrüssel erschlagen zu werden. Aber um diese Zeit hatten die meisten Menschen schon zu Mittag gegessen. Und Spezialitäten wie „Gefüllter Tapirrüssel“ gibt es auch sehr, sehr selten. Wenn überhaupt.

Also: Pocken-Franz war hässlich und mies. Mitleid wäre hier wirklich, wirklich fehl am Platze gewesen.

Ganz bestimmt; um 14.37 Uhr Ortszeit.

ENDE

Tag in der Karibik – Teil 3

Das dicke Mädchen konnte das Eis nicht einmal ganz aufessen. Der verbleibende Rest tropfte in einem kleinen Rinnsal über den Bauch des Mannes auf den sandigen Boden und fand dankbare Abnehmer in Form von quirligen, süßen, bunten Vögelchen. Und emsigen Krabben.

Die dicke Frau, nun Witwe und ehemalige Mutter, kreischte verzweifelt durch die Gegend. Entgegen aller Erwartungen beendete eine Kokosnuss, die an diesem Tag unplanmäßig fiel, den unnötigen Lärm und spaltete den Schädel der dicken Frau sauber in vier Teile. So wie bei einer Grapefruit. Oder einer Apfelsine, wo die Schale sauber mit einem spitzen Messer überkreuz eingeritzt und die Viertel sauber vom Fruchtfleisch getrennt wird. Nur in diesem Fall wurde der Blick auf das Gehirn der dicken Frau sichtbar.

Am nächsten Tag konnte man in der Zeitung lesen, dass die Krabben einen Teil des Areals, wo der dicke Mann mit der dicken Frau und dem dicken Kind lag, unterhöhlt hatten. Ob Zufall oder geplante Aktion der Krabben; darüber stand nichts in dem Artikel.

Der dicke Mann trat unglücklicher Weise genau in dieses Loch und löste diese tragische Kettenreaktion aus.

Von dem Zeitungsartikel bekam das bescheidene Pärchen mittleren Alters nichts mit. Auch nicht von dem komischen Zwischenfall, als eine rothaarige Frau, etwa Mitte Fünfzig, mit ihrem jugendlichen Liebhaber beim Betreten des Strandes von einer umstürzenden Palmen in den Sand gerammt wurden.

Die Frau und der junge Mann hatten schon einige Tage in dem Ressort verbracht. Beide hatte man nie lachen sehen, selten miteinander reden. Da die Frau stets mit heruntergezogenen Mundwinkeln herumlief, hatte sie von den Angestellten schnell den Spitznamen „Die Kröte“ bekommen. Ihr jugendlicher Begleiter war circa 15 Jahre jünger, hatte einen Pagenschnitt Marke „Prinz Eisenherz“, sehr kleine Füße, und im Gegensatz zu seinem Körper fette Eiterpickel auf der Stirn. Er wurde von den Wetteifrigen unter dem Namen „Pimmelmännchen“ gehandelt.

Kröte und Pimmelmännchen war an diesem Tage die Favoriten unter den Wetteifrigen, obwohl sie nicht im typischen Sinne zu den „Liegenbesetzern“ zählten. Sie waren einfach der Natur zuwider.

Soll in dieser Region schon mal vorkommen.

Wie gesagt: Von alledem bekam das bescheidene Pärchen mittleren Alters nicht mit. Es verbrachte die verbleibende Zeit Händchen haltend glücklich und zufrieden bis zum Sonnenuntergang.

Ein herrlicher Karibiktag neigte sich dem Ende entgegen.

Und wenn man ganz, ganz aufmerksam war konnte man hören, wie die Kokospalmen sich zuriefen:“Okkupanten. Okkupanten. Achtet auf die Okkupanten.“

 

ENDE

Tag in der Karibik – Teil 2

Das bescheidene Pärchen mittleren Alters bekam mit, wie der dicke Mann sich lautstark bei seiner Frau beschwerte: Wie unverschämt es sei, dass schon am frühen Morgen der größte Teil der Liegen mit Handtüchern und billigen Zeitschriften besetzt werde. Obwohl er ja eigentlich selbst früh an den Strand gekommen war, um rechtzeitig für sich und seinen Anhang einen günstigen Platz am Meer zu reservieren.

 Das Geplärre verstummte für eine gewisse Zeit.

Der dicke Mann hatte beim Strandboy eine Flasche Bier geordert. Das Kind, das genauso dick war wie der Vater – natürlich im Verhältnis gesehen – bekam ein dickes Eis. Die Frau, die ihrem Mann an Körperfülle in nichts nach stand, hatte einen Cocktail mit Früchten bestellt.

Die Früchte hatten dabei mehr eine Alibifunktion.

Der dicke Mann nahm schwitzend auf der Liege Platz und stellte die Flasche Bier auf seinen Bauch. Sie ragte wie ein Leuchtturm in den Himmel.

Eine Weile war die Idylle perfekt. 

Eine reife Mango überlegte den Standort zu wechseln und fiel vom Baum. Direkt auf die Bierflasche des dicken Mannes.

Erschrocken sprang der Mann auf. Besser gesagt, er versuchte aufzuspringen. Dies gelang ihm wegen seiner Leibesfülle nicht direkt. Er musste sich auf die Seite drehen, um seine baumstammartigen Beine von der Liege zu wuchten.

Das bescheidene Pärchen mittleren Alters stellte zu seiner Überraschung fest, dass die Bierflasche sich in die dicke Fettschicht des Mannes gebohrt  hatte.

Er selbst hatte es noch nicht bemerkt.

Schließlich gelang es dem dicken Mann aufrecht vor seiner Liege zu treten. Erst jetzt sah er, dass der Flaschenhals waagerecht aus seinem Bauch herausragte. Er trat einen Schritt vor und versank plötzlich mit beiden Beinen ganz langsam im Sand. Bis eine Handbreit über seinen Knien – oder was immer sie darstellen sollten – war von seinen massigen Gehwerkzeugen nichts mehr zu sehen.

Mit rudernden Armbewegungen versuchte er das Gleichgewicht zu halten. Was ihm nicht gelang. Man konnte noch das leise klack-klack hören, mit dem sich die Kniescheiben des dicken Mannes verabschiedeten, gefolgt vom Geräusch brechender Knochen, als der wuchtige Körper des Mannes vorne über fiel.

Das Letzte was das kleine dicke Kind in seinem Leben, was nur noch einige Sekunden währte, sah, war ein riesiger Schatten und den Flaschenhals der Biermarke „Alcofix“.

Als man den dicken Mann später auf die Seite rollte, klebte das dicke Kind wie eine Pestbeule am Bauch seines Vaters. Beide waren durch die Flasche Bier der Marke „Alcofix“ miteinander verbunden. Der Holzstiel des Eises, was das dicke Mädchen vorher bekommen hatte, ragte ein Stückchen aus dem Hinterkopf heraus.

Man könnte sich jetzt fragen, warum so ein kleines Stück Holz so robust sein kann, die Schädelknochen zu durchbohren.

Manchmal werden eben physikalische Gesetze außer Kraft gesetzt. Alles auf der Welt muss man nicht verstehen.

Wird fortgesetzt…..