Tapir, Nasenbär und Blauer Wiener

Das Letzte was Pocken-Franz sah, war der weiße Kaugummifleck, der ihn wie eine Fliege zermantschte.

Der Kaugummi klebte an einem riesigen zentnerschweren LKW-Reifen. Genauer: Es war der linke Vorderreifen.

LKW ist eine Abkürzung und steht für Lastkraftwagen.

Pocken-Franz hatte den Lastkraftwagen nicht gehört, als er die Straße überquerte.

Pofff. Weg war er, der hässliche Pocken-Franz.

Zehn Minuten vorher. 14.27 Uhr Ortszeit.

Pocken-Franz kam gerade von Hähnchen-Jule, wo er täglich seine halbes gegrilltes Hähnchen aß. Hähnchen-Jule hat einen mobilen Grillstand am Hauptbahnhof.

Nachdem Pocken-Franz gegessen hatte, blickte er zufällig zu Boden und setzte sich eine Ameise auf den Kopf. Plötzlich hörte er nichts mehr. Denn die Ameise war eine besondere ihrer Art.

Das wusste Pocken-Franz zu diesem Zeitpunkt aber nicht.

Natürlich bekam er mit, dass er nichts hörte. Das registrierte er ja sofort. Aber dass die Ameise eine besondere war und mit seinem plötzlichen Hörverlust zu tun hatte, DAS wusste er nicht.

Er hätte sich ebenso einen Nasenbären auf den Kopf setzen können. Oder einen Tapir. Nein, nein!!! Ein entschiedenes NEIN! Ein Tapir wäre einfach zu schwer gewesen..

Aber einen Blauen Wiener. Der hätte auch noch funktioniert…

Blaue Wiener sind schön. Sind Kaninchen. Und blau. Wie der Name schon sagt: Blauer Wiener.

Blaue Wiener haben kleine Ohren. Im Verhältnis zum Körper geradezu klitzekleine Ohren. Das Wort „klitzeklein“ ist ein schönes Wort. Man kann es dafür gebrauchen, um etwas ganz Kleines zu beschreiben.

Anstatt „klitzeklein“ könnte man auch „winzig“ sagen. Oder „winz“. Aber „winz“ ist kein richtiges Wort. Ist eher eine Wortschöpfung. Also ein Phantasiewort. Ein Wort, was ich erfunden habe. Das gibt es eigentlich gar nicht.

Für klitzekleinen Ohren könnte man also auch Winzohren sagen. Winzohren sind noch kleiner als winzige Ohren. Und klitzklein ist noch eine Idee winziger als winzig. Dies wird in der Regel durch eine Geste der rechten – oder linken – Hand unterstützt. Dabei werden Daumen und Zeigefinger so nah beieinander gebracht, dass sich die beiden Fingerkuppen fast berühren.

Aber nur fast.

Denn im letzten Moment, wo sie sich eigentlich berühren müssten, hält man in der Bewegung inne. So entsteht zwischen Daumen und Zeigefinger ein winziger, klitzekleiner Winzspalt.

Der ist aber kaum sichtbar.

Weil der wirklich richtig, richtig winzig klein ist. Auch wird der Spalt in der Regel nicht gesehen, weil der Ringfinger dahinter die Sicht auf den wirklich, wirklich winzig kleinen Winzspalt verdeckt.

Eigentlich müsste der Betrachter eine Vierteldrehung nach rechts oder links machen, den Kopf ein wenig tiefer legen und von VORNE zwischen Daumen und Zeigefinger schauen. Dann, und nur dann, würde man den Spalt erkennen.

Nun ja. Zwar sind die Ohren vom Blauen Wiener, den gibt es tatsächlich und wirklich in Echt – kaum erkennbar. Dafür hat er oder sie – es gibt auch Blaue Wienerinnen – aber riesengroße Füße.

Im Verhältnis zum Körper geradezu gigantisch. Eigentlich gigantomanisch. Auf jeden Fall riesen-, riesengroß und gigantomanisch.

Ob sie allerdings wienerisch Mümmeln, weiß ich nicht. Vielleicht kommt der Name auch daher, dass sich ein Wiener mal einen Spaß erlauben wollte und so ein Kaninchen blau angemalt hat; das vielleicht vorher weiß war. Das wäre aber ein richtiger Lump gewesen, der so ein Kaninchen anmalt. Auf der anderen Seite kann eigentlich jeder sein Kaninchen anmalen, wie er will. Auch seinen Hund. Oder seinen Kanarienvogel. Vorausgesetzt, es ist wirklich sein ureigenes Kaninchen. Oder Hund. Oder Kanarienvogel. So ein Lump…

Nun, es wäre jetzt mühsam zu berichten, warum einer wie Pocken-Franz sich eine Ameise auf den Kopf setzte. Bestimmt nicht mit der Absicht, nichts zu hören. Denn woher sollte jemand wissen, ob die Ameise, die er sich gerade auf den Kopf setzt die Fähigkeit hat, Geräusche zu unterdrücken. Oder taub macht.

Egal. Er tat es einfach.

Es war ja auch kein Nasenbär, Tapir oder Blauer Wiener greifbar. Und der Tapir wäre eh zu schwer gewesen. Auch wenn es sich um einen Baby-Tapir gehandelt hätte.

Die sind schon ganz schwer, die Burschen; die ollen Tapir-Burschen.

Die ollen schweren Tapir-Burschen.

Nun, sicherlich hätte der eine oder andere jetzt Mitleid mit Pocken-Franz. Wie der Name schon sagt, war er äußerlich ein hässlicher Mensch. Wegen den Pocken natürlich. Aber auch ohne Pocken wäre er hässlich gewesen.

„Jaaaaa.“ höre ich jetzt von einigen mahnend den moralischen Zeigefinger hebend „die inneren Werte. Es zählen doch die inneren Werte!“
Quatsch, sag ich da.
Oberquatsch. Oberoberquatsch.
Sogar Quatsch mit Soße.

Keine Frau möchte mit einem Mann zusammen sein wollen, der hässlicher ist als hässlich, aber gute innere Werte hat. Ist einfach nicht glaubhaft. Da sieht einer aus wie Quasimodo und strahlt die inner Güte und Stärke eines Fjord-Pferdes aus? Neee, glaub‘ ich nicht.

Das ist wirklich Oberquatsch mit Soße. Gilt umgekehrt genauso. Kein Mann möchte mit einer hässlichen Frau zusammen sein die aussieht, als wäre sie das Produkt eines Ameisenigels mit einem Schnabeltier. Da nutzen einem die besten innere Werte nichts. Aber sowas von nichts.

Entweder ist er oder sie steinreich oder…..

Neee, steinreich reicht.

Da kommt’s auf die inneren Werte auch nicht mehr drauf an. Da kannst’e aussehen wie Karl Arsch von der Rennbahn. Oder wie ein Terror-Gnom des 92. Levels.

Oder Charme haben wie eine Pumpenzange. Oder einen Sack Schrauben.

Aber det macht nüscht…Scheiß was auf die inneren Werte.

Pocken-Franz war ein Arschloch vor dem Herrn, der es verdient hatte, wie eine Fliege zermantsch zu werden. Er war hässlich und hatte einen miesen, miesen und wirklich schlechten Charakter.

Er hätte es sicherlich auch verdient, von einem gefüllten Tapirrüssel erschlagen zu werden. Aber um diese Zeit hatten die meisten Menschen schon zu Mittag gegessen. Und Spezialitäten wie „Gefüllter Tapirrüssel“ gibt es auch sehr, sehr selten. Wenn überhaupt.

Also: Pocken-Franz war hässlich und mies. Mitleid wäre hier wirklich, wirklich fehl am Platze gewesen.

Ganz bestimmt; um 14.37 Uhr Ortszeit.

ENDE

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