Tag in der Karibik – Teil 1

Die Natur hat ihre eigenen Gesetze oder Kröte im Pimmelmännchen-Land.

Das bescheidene Pärchen mittleren Alters fragte Sunshine Bisquit, den Strandboy und Wächter der Liegen, ob noch zwei Plätze mit Schirm zu haben wären.

Die beiden waren schon einige Tage auf dieser schönen Karibikinsel und kamen gerade vom Frühstück. Sie hatten den Morgen, wie immer, mit intensiven Gesprächen verbummelt und kamen nun relativ spät am Strand an. Die Chance einen guten Platz direkt am Meer zu bekommen, war also relativ gering. Die Liegen wurden – wie üblich – schon sehr früh von den Feriengästen mit Handtüchern reserviert. Eine Unart, wie die Beiden fanden.

Von ihrem Frühstückstisch konnte das Pärchen jeden Morgen beobachten, wie der Ansturm auf die besten Plätze begann. Mal wurden die Liegen von der Frau, ein anderes Mal von dem Mann mit den Handtüchern in Beschlag genommen.

Das Pärchen mittleren Alters hatte schon an den Tagen zuvor mitbekommen, wie sich die Angestellten des Ressorts über den einen oder anderen Liegenbesetzer unterhielten. Es hatte den Anschein, als ob sie untereinander Wetten abschließen würden. Dollarscheine wechselten den Besitzer, nachdem mit dem Finger auf die eine oder andere Person gezeigt wurde. Natürlich alles sehr diskret. Nur der aufmerksame Beobachter konnte davon Notiz nehmen.

Wie dem auch sei.

Das Pärchen hatte Glück.

An diesem Tag fielen die letzten beiden Kokosnüsse vom Baum.

Es dauerte natürlich eine Zeit, bis die Hirnmasse und die kleinen Schädelknöchelchen der beiden Liegen-Okkupanten beseitigt werden konnten. Schließlich musste der Sand um die Liegen herum ausgetauscht werden, weil sich doch das Blut mit dem Sand verbunden hatte und mehr oder weniger große Klumpen bildete.

Nach zehn Minuten war alles gereinigt.

Sunshine bot dem bescheidenen Pärchen mittleren Alters die Liegen an. Zum Glück musste der Schirm nicht ausgetauscht werden. Beim letzten Mal durchschlug eine Kokosnuss den mit Palmenwedel bestückten Schirm und zerschmetterte mit einer nie gekannten Leichtigkeit die Gegend zwischen Nasenbein und Stirn einer weiblichen Besetzerin.

Der Schaden war immens.

Schirm kaputt, Liegen versaut und der unangenehme Geräuschpegel eines plärrenden  – und in wenigen Minuten einäugigen – Witwers. Unglücklicher Weise wurde durch den heftigen Aufprall der Kokosnuss das Nasenbein samt Nase vom Schädel der Frau getrennt und bohrte sich mit schlafwandlerischer Sicherheit in das linke, gesunde Auge des bald einäugigen Mannes. Denn er lag rechts von der Frau. Zum Glück. Sein rechtes Auge war altersbedingt schon ein wenig trübe. Grauer Star oder so. Die Vogelwelt ist schon manchmal grotesk…..

Wenn das Ganze nicht so tragisch gewesen wäre, hätte man der Situation schon etwas komisches abgewinnen können. Wann, bitte schön, sieht man schon eine komplette Nase in einer Augenhöhle? Zumal es nicht die eigene Nase ist und vor kurzem noch der Angetrauten gehört hatte.
Sunshine Bisquit erzählte die Geschichte dem bescheidenen Pärchen mittleren Alters während er beiläufig ein kleines Haarbüschel samt Schädelknochen von einer der Liegen schnippte und die Handtücher darauf ausbreitete.

Mit einem seltsamen Lächeln setzte er die Geschichte fort: Nicht genug, dass der Mann die Nase seiner Frau im Auge hatte. Die Kokosnuss fiel zudem auch so unglücklich auf die Frau herab, dass sie auf das rechte Schultergelenk auf traf. Die Wucht des Aufpralls löste das Schlüssebein der Unglücklichen vom Brustbein, so dass der gesamte Knochen um den eigenen Befestigungspunkt wie ein Katapult heraus schnellte und den linken Unterarm des Mannes fein säuberlich unterhalb des Ellenbogens durchtrennte.

Hmm, die Natur hat ihre eigenen Gesetze und schlägt manchmal erbarmungslos zurück.

Sunshine Bisquit konnte sich aber nicht erinnern, jemals wieder einen einarmigen und einäugigen Mann auf der Insel gesehen zu haben.

Sunshine musste einige Überzeugungsarbeit leisten, damit das bescheidene Pärchen mittleren Alters das Angebot wahrnahm, auf den Liegen Platz zu nehmen.

Nach einigem Zögern nahmen sie die Einladung an. Sie genossen den Vormittag an diesem bevorzugten Platz: Das Rauschen der Wellen, die warmen Sonnenstrahlen und die laue Brise, die vom Meer herkam.

Sie hielten sich die Hände, dösten in der Sonne und beobachteten zwischendurch das ewige Treiben der Strandkrabben, die etwa sechs Meter entfernt vom nächsten Nachbarn vorwitzig aus ihren Behausungen schauten und schnell wieder verschwanden, sobald sich ihnen ein Schatten näherte.

Das bescheidene Pärchen mittleren Alters beobachtete, wie die Krabben wieder und immer wieder Sand an die Oberfläche schafften.

Die Liegenbesitzer schienen von dem ganzen Treiben vor ihnen nichts mitzubekommen. Es waren Urlauber mit einem kleinen Kind. Der Mann hatte einen riesigen Bauchumfang und sein Kinn ergoss sich in mehreren Wellen kaskadenartig auf seine Brust. Der Mann war so dick, dass er wahrscheinlich eine eigene Zeitzone um seinen Bauch hatte. Das Kind krakeelte, der Mann krakeelte. Und die Frau krakeelte. Alles in allem war es eine sehr laute und dicke Familie.

Tag in der Karibik – Teil 2

Das bescheidene Pärchen mittleren Alters bekam mit, wie der dicke Mann sich lautstark bei seiner Frau beschwerte: Wie unverschämt es sei, dass schon am frühen Morgen der größte Teil der Liegen mit Handtüchern und billigen Zeitschriften besetzt werde. Obwohl er ja eigentlich selbst früh an den Strand gekommen war, um rechtzeitig für sich und seinen Anhang einen günstigen Platz am Meer zu reservieren.

 Das Geplärre verstummte für eine gewisse Zeit.

Der dicke Mann hatte beim Strandboy eine Flasche Bier geordert. Das Kind, das genauso dick war wie der Vater – natürlich im Verhältnis gesehen – bekam ein dickes Eis. Die Frau, die ihrem Mann an Körperfülle in nichts nach stand, hatte einen Cocktail mit Früchten bestellt.

Die Früchte hatten dabei mehr eine Alibifunktion.

Der dicke Mann nahm schwitzend auf der Liege Platz und stellte die Flasche Bier auf seinen Bauch. Sie ragte wie ein Leuchtturm in den Himmel.

Eine Weile war die Idylle perfekt. 

Eine reife Mango überlegte den Standort zu wechseln und fiel vom Baum. Direkt auf die Bierflasche des dicken Mannes.

Erschrocken sprang der Mann auf. Besser gesagt, er versuchte aufzuspringen. Dies gelang ihm wegen seiner Leibesfülle nicht direkt. Er musste sich auf die Seite drehen, um seine baumstammartigen Beine von der Liege zu wuchten.

Das bescheidene Pärchen mittleren Alters stellte zu seiner Überraschung fest, dass die Bierflasche sich in die dicke Fettschicht des Mannes gebohrt  hatte.

Er selbst hatte es noch nicht bemerkt.

Schließlich gelang es dem dicken Mann aufrecht vor seiner Liege zu treten. Erst jetzt sah er, dass der Flaschenhals waagerecht aus seinem Bauch herausragte. Er trat einen Schritt vor und versank plötzlich mit beiden Beinen ganz langsam im Sand. Bis eine Handbreit über seinen Knien – oder was immer sie darstellen sollten – war von seinen massigen Gehwerkzeugen nichts mehr zu sehen.

Mit rudernden Armbewegungen versuchte er das Gleichgewicht zu halten. Was ihm nicht gelang. Man konnte noch das leise klack-klack hören, mit dem sich die Kniescheiben des dicken Mannes verabschiedeten, gefolgt vom Geräusch brechender Knochen, als der wuchtige Körper des Mannes vorne über fiel.

Das Letzte was das kleine dicke Kind in seinem Leben, was nur noch einige Sekunden währte, sah, war ein riesiger Schatten und den Flaschenhals der Biermarke „Alcofix“.

Als man den dicken Mann später auf die Seite rollte, klebte das dicke Kind wie eine Pestbeule am Bauch seines Vaters. Beide waren durch die Flasche Bier der Marke „Alcofix“ miteinander verbunden. Der Holzstiel des Eises, was das dicke Mädchen vorher bekommen hatte, ragte ein Stückchen aus dem Hinterkopf heraus.

Man könnte sich jetzt fragen, warum so ein kleines Stück Holz so robust sein kann, die Schädelknochen zu durchbohren.

Manchmal werden eben physikalische Gesetze außer Kraft gesetzt. Alles auf der Welt muss man nicht verstehen.

Wird fortgesetzt…..